Administrative Zwangsmassnahmen: Die Aufarbeitung geht weiter

Die fürsorgerischen Zwangsmassnahmen haben auch im Kanton St. Gallen viel Leid verursacht. Am 21. September findet in der Lokremise ein Gedenkanlass für Betroffene statt. Das bedeutet aber nicht, dass das Thema damit für den Kanton abgeschlossen ist.

Im Kanton St. Gallen hat sich bei der Aufarbeitung des Unrechts seit 2014 einiges getan. Am 21. September findet nun in der Lokremise in St. Gallen ein Gedenkanlass für Betroffene statt. Es gibt Reden sowie eine Botschaft der St. Galler Regierung. Danach wird auf der nahen Kreuzbleiche ein Erinnerungszeichen eingeweiht.

Doch das bedeute nicht, dass damit das Thema abgeschlossen sei, der Anlass sei nur ein Mosaiksteinchen, wurde an einem Medienanalass am Mittwoch betont. Vertreterinnen und Vertreter von Opferhilfe, Staatsarchiv und Kanton informierten dabei über das Thema Zwangsmassnahmen.

Im ländlichen Kanton St. Gallen gebe es auffallend viele Fälle, hiess es. Das Staatsarchiv hat über 50 kleine und grössere Heime entdeckt, die an den Zwangsmassnahmen beteiligt waren. Viele davon existieren nicht mehr. Nicht alle der Kinder, Jugendliche oder Erwachsenen, die dort untergebracht waren, stammten aus dem Kanton. Sie seien auch aus dem Wallis, aus den Kantonen Bern oder Freiburg in der Ostschweiz platziert worden.

Unter anderem gab es in Altstätten und Rebstein grössere Anstalten für Mädchen aus der ganzen Schweiz. Im Obertoggenburg oder in Amden seien die Kinder auch "wegen der gesunden Luft" versorgt worden. Beim Staatsarchiv haben sich von 2014 bis 2018 über 350 Personen gemeldet, für die nach den vorhandenen Akten gesucht wurde. Und noch immer treffen Gesuche ein. Bis Mitte 2019 waren es 18 neue Fälle.

In den Unterlagen sind die tatsächlichen Geschehnisse allerdings meist nicht abgebildet. Dort finden sich beispielsweise alle zwei Jahre Berichte der Vormundschaft oder auch Angaben zur Gesundheit der Kinder. Vieles sei hinter den Mauern der Institutionen geblieben, lautete ein Fazit von Regula Zürcher vom Staatsarchiv. Die Betroffenen bekamen deshalb die Möglichkeit, die Akten durch eine eigene Stellungnahme zu ergänzen, etwa durch einen Erlebnisbericht.

Aus dem Kanton St. Gallen haben 412 Personen beim Bund ein Gesuch für eine Entschädigung für das Unrecht gestellt. In den entsprechenden Fonds seien aus dem St. Galler Staatshaushalt freiwillig 900'000 Franken eingezahlt worden, sagte Regierungsrat Martin Klöti. Sie verteilen sich auf drei Jahre zu je 300'000 Franken.

Viele der Opfer der Zwangsmassnahmen wollen sich aus Selbstschutz nicht mehr mit dem Thema auseinandersetzen. Nicht wenige seien auch traumatisiert. "Die Leute die sich gemeldet haben, sind mutige Leute", hiess es dazu. Wie hoch die Zahl der Betroffenen insgesamt ist, kann nicht abgeschätzt werden. Es wird davon ausgegangen, dass es in der ganzen Schweiz Zehntausende sind.

Die Gesellschaft habe all dies zugelassen. Mit der Armutsbekämpfung sei nicht nur die Armut bekämpft worden, sondern auch diejenigen, die arm waren, sagte Brigitte Huber, Geschäftsführerin der Stiftung Opferhilfe SG-AR-AI.

(sda)


Daten:

Roman Spirig
11.09.19 15:12

Themen:

Regional

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